Bericht und Gedanken
zur Exkursion „Die Römer im Kinzigtal“

Reinhard Mahn
Historischer Verein für Mittelbaden e.V.
Mitgliedergruppe Schiltach
Bilder: Axel Rombach
Als Ergänzung des Vortrages von Herrn Prof. Dr. Ing. Rolf Pfefferle
vom 26.09.2008 in der Friedrich-Grohe-Halle in Schiltach

November 2008

Inhaltsverzeichnis

1 Römerkastell in Waldmössingen

Nach der Bildung von Fahrgemeinschaften fuhren die Teilnehmer über Rötenbach – Rötenberg – Winzeln zum rekonstruierten römischen Kastell nach Waldmössingen, wo Prof. Pfefferle und Herr Schmid, der die Kastellanlage und das dortige Tiergehege betreut, die Teilnehmer in die römische Vergangenheit einführten.

Das ursprüngliche Kastell, das in seiner Form der örtlichen Topographie angepasst war, wurde im Zuge des Straßenbaus von Argentorate (Straßburg) in Richtung Osten (Rätien) um die Zeit 73/74 n. Chr. unter Kaiser Vespasian in zwei Ausbaustufen angelegt. Im ersten Bauabschnitt erfolgte die Errichtung einer hölzernen, die später durch eine massive, gemauerte Anlage ersetzt wurde. Die Straße führte durch das Kinzigtal bis östlich von Schiltach und von dort vermutlich über den Brandsteig nach Waldmössingen. Von hier konnten die Reisenden die nordöstliche Richtung nach Sulz (ebenfalls Kastellort) und Rottenburg (Sumelocenna) den Neckar abwärts nehmen oder sie entschieden sich für die Strecke nach Süden über Rottweil (Arae Flaviae) nach Hüfingen (Brigobanne).

Die militärische Anlage war für eine Kohorte (ca. 500 Mann) konzipiert und lag auf einer strategisch günstigen Anhöhe, von der aus der Straßenverlauf Richtung Brandsteig-Kinzigtal gut überblickt werden konnte. Die Kastell-Besatzung war für die Sicherung der Grenzen sowie die Unterhaltung der Straßen verantwortlich. In direkter Nachbarschaft auf dem Gebiet der heuten Gemeinde Waldmössingen, bildete sich im Gefolge der Militärstation eine kleine zivile Siedlung (vicus) die die Versorgung mit Dingen des täglichen Bedarfs sowie Handwerker-Leistungen sicherstellte. In nordöstlicher Richtung konnten auch Reste von Gutshöfen (villa rustica) nachgewiesen werden. In der Zeit der Landnahme durch die Alamannen etwa um 260 n. Chr. wurden Kastell und Siedlung durch die Römer aufgegeben, die Straßen wurden sicherlich weiterhin in bescheidenerem Umfang durch die Alamannen genutzt und dienten teilweise bis ins Hochmittelalter als Verkehrswege, die zurückgelassenen Bauwerke verfielen.

Nach Informationen von Prof. Pfefferle zur Geschichte und zur damaligen Infrastruktur sprach Herr Schmid über den Hergang der Ausgrabungen und erläuterte die im kleinen Kastellmuseum aufbewahrten Ausgrabungsfunde, darunter Fibeln, Relikte eines Schwerts sowie einen Kamm, in den, was er als kleine Kostbarkeit hervorhob, von der ehemaligen Eigentümerin eine Verwünschung eingeritzt wurde, um unrechtmäßige Benutzer bzw. Diebe abzuschrecken.

Die letzten Grabungen wurden in Waldmössingen Ende der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts durchgeführt. Bedeutendere Fundstücke hiervon sind in Oberndorf/N. und Tübingen verwahrt.

2 Zwischen Waldmössingen und Winzeln

Unsere zweite Station war ein noch heute vorhandenes, gut erkennbares, fast schnurgerades Teilstück der ehemaligen Römerstraße zurück in Richtung Rötenberg. Der Verlauf des heutigen Wirtschaftsweges markiert etwa die Gemarkungsgrenze zwischen Waldmössingen und Winzeln.

Obwohl die Äcker in dieser Gegend aufgrund der geologischen Gegebenheiten nur wenig Steine aufweisen, treten bis zu einigen Metern links und rechts der alten Straße auch für Laien gut erkennbar große Bruchsteinmengen an die Oberfläche. In jährlicher Folge vollführen die Pflüge ihr zerstörerisches Werk am antiken Untergrund. Prof. Pfefferle demonstrierte mit einer Sonde, dass unter dem Straßenverlauf ein massiver Unterbau vorhanden sein muss und die ursprüngliche Straßenbreite vermutlich etwa fünf Metern betragen hatte, was den Erfahrungen bei anderen untersuchten Teilbereichen entsprechen würde.


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Abbildung 1: Mitglieder der Exkursion


3 Waldstück im Bereich Mostert/Etzenbühl

Weiter ging es mit den Fahrzeugen zurück in Richtung Rötenberg, wo ein Waldstück im Bereich Mostert/Etzenbühl das nächste Ziel war. Deutlich sichtbar konnte Prof. Pfefferle hier auf ein durch den Wald führendes, dammartiges Straßenstück verweisen, das, durch die Vegetation geschützt, hier bis heute in Teilen erhalten geblieben ist. Obwohl durch die heutige Waldbewirtschaftung oft auch Schäden an Kulturgütern zu beklagen sind, so sind in Waldgebieten befindliche Relikte doch weitaus besser geschützt, als in offenen Landschaften, wo akute Gefahr durch den Pflug besteht, der im Laufe der Zeit alle Spuren auslöscht. Prof. Pfefferle wies darauf hin, dass der Straßenverlauf von Waldmössingen her ein Gewann namens „Alte Bruck“ berührt, was möglicherweise auf römische Aktivitäten zur der Sicherung der Straße gegen den Lauf des in der Nähe entspringenden Rötenbächle, der jungen Eschach oder moorigen Untergrund schließen ließe.

4 Römische Säulen vor der evangelischen Kirche Rötenberg

Danach wurde die evangelische Kirche von Rötenberg angesteuert, wo im Außenbereich römische Säulen stehen, die erwiesenermaßen vom Brandsteig stammen. Auch der ehemalige Taufstein ist römischen Ursprungs und wurde vermutlich aus einem Kapitell gearbeitet. (Bild 2 auf Seite 10)


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Abbildung 2: Prof.Pfefferle gibt Erläuterungen zu den römischen Säulen


5 Brandsteig

Das nächste Ziel war das Gewann „Brandsteig“ an der Gemarkungsgrenze zu Schenkenzell, neben Waldmössingen wohl das bisher am besten untersuchte und dokumentierte ehemals römische Areal im Bereich unseres Erkundungsgebietes. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurden auf dem Brandsteig umfangreiche Grabungen durchgeführt, wobei die Abmessungen der Straßenstation (mansio) bestimmt und große Mengen an terra sigillata, römischen Münzen und behauenen Sandsteinen geborgen werden konnten. Eine Quellfassung römischen Ursprungs wurde gesichert und ein Weihestein zu Ehren von Diana Abnoba, der keltisch-römischen Göttin des Schwarzwaldes gefunden.

In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts war Prof. Pfefferle mit einigen Heimatfreunden vor Ort. Kostbarster Fund war damals eine Merkurstatue, eine Nachbildung davon befindet sich seit einigen Jahren wieder an der Fundstelle, das Original ist im Museum für Ur- und Frühgeschichte in Freiburg, dem „Colombi-Schlössle“, zu besichtigen. Der ursprüngliche Weihestein ging während des II. Weltkrieges bei Fliegerangriffen auf Stuttgart verloren, eine Kopie ziert das kleine Ensemble auf dem Brandsteig.

Hier, nach dem Aufstieg bzw. vor dem Abstieg ins Kinzigtal, errichteten die Römer also eine Straßenstation. Bis östlich von Schiltach ist der antike Straßenverlauf kinzigaufwärts nachgewiesen (letztes Teilstück: „Alte Straße“, die heutige Schenkenzeller Straße) oder zumindest erschlossen. Sicher erscheint, dass die römische Straße im Bereich der heutigen Nachbarschaftshauptschule Schiltach/Schenkenzell (Gewann Hofstatt, bis ins 17. Jhd. als „Brandsteiger Hof“ bezeichnet) das Kinzigtal verließ und nach rechts in Richtung Kaibach/ Egenbach weitergeführt wurde. Ist nicht auch anzunehmen, dass sich dort, vor dem Anstieg bzw. nach dem Abstieg ebenfalls eine Rast- oder Umspannstation befunden haben müsste?

Vom Brandsteig konnten die Exkursionsteilnehmer nun den Blick über die Schwarzwaldberge des oberen Kinzigtals schweifen lassen. Den Teilnehmern der Tour war dabei klar, dass sich der alles entscheidende Puzzlestein noch nicht finden ließ:


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Abbildung 3: Auf dem Brandsteig


Wie und wo wurde letztlich der Abstieg ins Tal bewältigt? Eine noch heute gut sichtbare Senke in der Wiese südwestlich der kleinen Anlage auf dem Brandsteig führt auf einen Waldeinschnitt zu, von wo bis vor Jahren ein alter Waldweg in leichtem, gleichmäßigem Gefälle östlich am Herrenwald vorbei auf den Höhenrücken zwischen Kaibach- und Egenbachtal führte. Ein erst vor kurzem erfolgter massiver Ausbau zu einem breiten Wirtschaftsweg hat möglicherweise noch vorhandene Spuren für immer beseitigt. Eventuell zuvor existierende bergseitige Befestigungen könnten durch den Maschineneinsatz aus ihrem Zusammenhang gerissen und talwärts verschoben worden sein. Den neuen Weg begleiten auffallend viele Bruchsteine, was auf die vermutete antike Streckenführung hinweisen könnte.

6 Unterkaibachhof

Als letzte Anlaufstation dieser Exkursion wurden die Teilnehmer daher ins Kaibachtal zum Unterkaibachhof geführt, von wo aus auf der rechten Talseite eine Vielzahl alter und neuerer Wirtschafts- und Hohlwege bergwärts führen. Dies macht eine eindeutige und schlüssige Aussage zum Verlauf der ehemaligen römischen Straße fast unmöglich. Es könnte daher sehr schwierig sein, hier im Blick auf die örtlichen Gegebenheiten zu weiterführenden oder abschließenden Ergebnissen zu kommen.

Am Ende der Tour wies Prof. Pfefferle auf eine alte Wegführung hin, die, noch nicht wesentlich über dem Talniveau, in historischer Zeit möglicherweise im Zuge kriegerischer Handlungen durch eine trichterförmige Aushebung unbrauchbar gemacht wurde. Wurde eine mögliche Variante der „Römerstraße“ im Kaibachtal noch bis in die frühe Neuzeit benutzt und dann aus strategischen Gründen zerstört?

Irgendwo in diesem kleinräumigen Bereich zwischen Kaibachtal und dem vorgenannten Höhenrücken ist das fehlende Teilstück, das berühmte „missing link“ zu vermuten. Wird der ursprüngliche Verlauf dieser einst so wichtigen Querspange zwischen Rhein und Neckar/Donau jemals wissenschaftlich exakt zu ermitteln sein? Das derzeit restriktive Verhalten der zuständigen Behörden und parallel dazu Grabungsverbote sind sicherlich wenig hilfreich, Licht ins Dunkel der Jahrhunderte zu bringen und letzte, möglicherweise noch vorhandene Beweisstücke vor der endgültigen Zerstörung zu bewahren.


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Abbildung 4: Mitglieder des Initiativkreises


Die in diesen Bericht eingeflossenen Informationen stammen aus allgemein zugänglichen Quellen, aus verschiedenen Jahresbänden der „Ortenau“, aus Forschungen von Dr. Hans Harter sowie Ausführungen von Prof. Rolf Pfefferle.